Stell dir vor, du willst in zwanzig Jahren ein Spiel deiner Kindheit wiederfinden, und niemand hat es aufbewahrt. Genau dagegen sollte die Internationale Computerspielesammlung (ICS) helfen. Seit Juli 2026 ist das Projekt vorerst gestoppt.
Warum Spiele leichter verschwinden als Bücher
Ein Buch kannst du auch nach hundert Jahren aufschlagen und lesen. Bei einem Spiel ist das anders: Es braucht die passende Konsole oder den passenden PC, das richtige Betriebssystem und manchmal einen Online-Server, den der Hersteller längst abgeschaltet hat. Dazu kommt, dass Disketten, Module und Discs mit der Zeit altern. Kopierschutz macht das Sichern zusätzlich schwer.
Hinzu kommt der Wandel zum reinen Download. Wenn ein digitaler Store schließt oder ein Titel aus dem Angebot fliegt, gibt es oft keine Kopie mehr, die du dir irgendwo ansehen könntest. Wie schnell das geht, zeigt Sony: In der Woche, in der die ICS gestoppt wurde, kündigte das Unternehmen das Ende der PlayStation-Discs an.
Was die ICS war
Die Idee entstand 2012. Mehrere Partner wollten ihre Sammlungen zusammenführen und für Forschung, Bildung und Journalismus zugänglich machen:
- die USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle), die seit Jahrzehnten Spiele zur Altersprüfung erhält,
- das Computerspielemuseum Berlin,
- der Branchenverband game und seine Stiftung Digitale Spielekultur,
- das Computerspiel-Forschungszentrum der Universität Potsdam.
Zusammen kamen über 60.000 Spiele zusammen: auf Modul, Diskette, CD, DVD und Blu-ray, dazu Originalverpackungen, Handbücher, Werbematerial und alte Hardware. Der Bundestag bewilligte 2016 erste Gelder, 2019 ging eine öffentliche Online-Datenbank mit rund 40.000 Einträgen an den Start. 2023 wurde eine gemeinnützige GmbH gegründet. Sie erhielt rund 1,5 Millionen Euro vom Land Berlin und vom Bund.
Warum Schluss ist
Diese Förderung endete im April 2026. Als nächster Schritt war ein echtes Archiv mit eigenen Räumen und Arbeitsplätzen geplant, an denen du die Bestände nutzen könntest. Dafür wäre dauerhaftes Geld nötig gewesen, eine sogenannte institutionelle Förderung.
Das zuständige Bundesforschungsministerium hat das geprüft und abgelehnt: Die Hürden im Haushaltsrecht seien zu hoch, das Konzept zu teuer und zu umfangreich im Vergleich zum bisherigen Projekt. Berlin wiederum sieht sich nicht zuständig. Am 3. Juli 2026 haben die Gesellschafter deshalb einstimmig beschlossen, die ICS nicht weiterzuführen.
Was bleibt, und was nicht
Die gute Nachricht: Kein einziges Spiel geht verloren. Disketten, Module, Handbücher und Konsolen bleiben bei den Partnern, also etwa bei der USK und im Computerspielemuseum.
Verloren geht aber das gemeinsame Dach. Ein zentrales Archiv, in dem du als Forscherin, Journalist oder einfach Interessierte*r alles an einem Ort findest, gibt es vorerst nicht. Was aus der Online-Datenbank wird, ist noch offen und wird rechtlich und technisch geprüft. Eine Datenbank braucht Pflege: Ohne Betreuung können Suche, Datenformate und Technik mit den Jahren unbrauchbar werden.
Warum dich das angeht
Spiele sind kein Nischenhobby. Sie zeigen, wie sich Technik, Design, Geschichten und unser Alltag verändert haben, und sie gehören zu den wichtigsten Kulturmedien unserer Zeit. Für Bücher gibt es die Nationalbibliothek, für Filme Filmarchive. Für Spiele fehlt in Deutschland bis heute eine Stelle, die sich dauerhaft verantwortlich fühlt.
Genau das zeigt der Fall ICS: Es reicht nicht, ein Archiv einmal aufzubauen. Jemand muss es auf Dauer betreiben, pflegen, rechtlich absichern und technisch am Leben halten.
Wie geht es weiter?
Ganz vorbei ist es nicht unbedingt. Die Beteiligten sehen das Bewahren von Spielen weiter als öffentliche Aufgabe und wollen als Partner bereitstehen, falls es künftig doch eine Lösung in anderer Form gibt. Bis dahin gilt: Die Sammlung lebt weiter, aber das gemeinsame Archiv, das sie für alle öffnen sollte, ist vorerst auf Pause.
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